Kind oder Hund?

Eines der Plakate, mit denen die LINKE Sachsen-Anhalt in den Landtagswahlkampf zieht, wird nicht zufällig kontrovers diskutiert: Darauf zu sehen ist ein großer Hund an der Leine eines Kindes. Beide ziehen in unterschiedliche Richtungen. Die Forderung „Nehmt den Wessis das Kommando“ betont die dargestellte Divergenz im Bild und stellt gleichzeitig die Lösung für die Tauzieh-Situation dar: "dem Westen" das Kommando entziehen. Doch wer hat das Kommando? Kind oder Hund?

Hund und Kind stehen hier offenbar für Ost- und West-Deutschland. Es liegen verschiedene Deutungsmöglichkeiten vor, wer wen darstellen soll, woraus wiederum unterschiedliche Zuschreibungen resultieren. Soll der Westen als hegemonial dargestellt werden, ist es das Kind, das den Westen repräsentiert; ausgehend von der typischen Szenerie des Gassi-Gehens, bei der der Mensch den Hund führt, unabhängig von der Körperkraft. Das Kind beansprucht folglich (sogar mit gewissem Recht) die Führung. Der Hund wäre der sich auflehnende Osten, der den Führungsanspruch des Westens in Frage stellt, um seine Stärke weiß und nicht folgen möchte. Diese Darstellung würde jedoch nur sehr problematisch ein bestehendes Machtverhältnis zwischen Ost und West beklagen, da die hierarchischen Rollen für das Funktionieren der Beziehung zwischen Mensch und Haustier ja begründbar sind.

Eine andere Lesart: Der Westen als Hund, der ungerechtfertigterweise die Führung übernommen hat und die Richtung bestimmt, während dem Osten der rechtmäßige Führungsanspruch genommen wird. Diese Interpretation würde den Geltungsanspruch westdeutscher Interessen den ostdeutschen generell unterordnen. Dass aber der Osten als körperlich unterlegenes Kind dargestellt wird, würde auf ein problematisches Selbstverständnis hindeuten. Der Osten wäre in dieser Interpretation nicht nur ein jüngerer Teil der Bundesrepublik, sondern sogar ein unmündiger. Und das nicht, weil dem Osten keine Mündigkeit zugesprochen werden würde, sondern weil er eben noch nicht reif und stark genug wäre – so wie ein Kind.

Der Aspekt der „Unmündigkeit“ offenbart die noch größere Ambiguität, die im Bildmotiv vorliegt: Beide Lebewesen auf dem Plakat, Kind und Hund, können ja als unmündig betrachtet werden. Diese Gleichstellung hebelt die hierarchisch bestimmte Mensch-Tier-Relation aus und führt zu anderen Konnotationen: Das Kind wird, v.a. in der politischen Rahmung, mit Merkmalen wie kindlich, unreif, trotzig, unfähig, Verantwortung zu übernehmen konnotiert. Wohingegen der Hund – als Berner Sennenhund – mit Assoziationen wie einfühlsames Wesen, treuer Begleiter des Menschen (ergo des Volkes?), Hüte- und Rettungshund verknüpft wird.

Die Deutungsmöglichkeiten sind noch nicht erschöpft: Das Bild kann auch schlicht als ein Kräftemessen zwischen zwei Parteien verstanden werden, die prinzipiell eine Einheit bilden und in Übereinstimmung in die gleiche Richtung laufen sollten. Das Plakat stellte dann einen Missstand dar: Es fehlt an der nötigen Konvergenz, um gemeinsam voran zu kommen. Hier würde zumindest der Einheitsgedanke stärker im Vordergrund stehen. Jedoch würde immer noch die ungünstige Machtverteilung innerhalb der Einheit Mensch – Hund wirksam.

Der Landesverband der LINKEN aus Sachsen-Anhalt rahmt das Plakat, das einer Pressemitteilung zufolge „nirgendwo hängen wird“, bereits als gelungene Provokation. Während die genaue Interpretation offen bleibt, ist eines deutlich: Die LINKE entscheidet sich mit diesem Plakat, als ‚Ost-Partei‘ in den Wahlkampf zu ziehen.

Kristin Kuck

 
Hinweis:
Die Rubrik „Zwischenruf“ will pointiert Perspektiven der linguistischen Gesellschaftsforschung aufzeigen. Es handelt sich um persönliche Anmerkungen des zeichnenden Mitglieds aus dem AlGf-Team.

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