Herausforderung: Impfdiskurs

Wenn es noch eines Beweises bedarf, dass der Umgang mit Corona auch eine sprachlich-kommunikative Herausforderung für Politik und Medien ist, mag ihn diese Miniatur erbringen:

1.

Die Beschränkung der Vergabe des Impfstoffs von AstraZeneca auf unter 65jährige wird dem Laien offenbar zu wenig erklärt. Sie sät Zweifel und hemmt den Fortschritt der Impfkampagne. Beteuerungen des Gesundheitsministers, das Produkt sei „kein Impfstoff zweiter Klasse“, können nicht wirken. Der Linguist Friedemann Vogel dazu per Twitter: „Der Klassiker: Denken Sie jetzt bitte NICHT an einen rosa Elefanten. – Die Negation verhindert nicht, dass der negierte Deutungsrahmen aufgerufen und damit (massenkommunikativ wirksam) reproduziert wird.“ (22.02.2021)

2.

Ein Wissenschaftler und Arzt, dem als Vorsitzenden der „Ständigen Impfkommission“ eine wichtige staatliche Funktion zukommt, erklärt das Zustandekommen der Altersbeschränkung und ihrer Folgen für die Impfkampagne in einem Fernsehinterview so: „Das Ganze ist irgendwie schlecht gelaufen“ (Prof. T. Mertens, heute journal, 26.2.2021). Das vage „das Ganze“ und der Heckenausdruck „irgendwie“ scheinen wenig geeignet, Transparenz zu schaffen und Sicherheit zu vermitteln.

3.

Ein Talkshowmoderator schließlich nutzt diese Angriffsfläche, um populistisch auf den (Stamm-)Tisch zu hauen und zu suggerieren, Druck von tatkräftigen Politikerinnen und Politikern auf eine Kommission, die aus guten Gründen wissenschaftlicher Gründlichkeit verpflichtet ist, könne die Lösung sein. Er verwendet dafür den alltagssprachlichen Phraseologismus "jemandem Beine machen", der für asymmetrische Machtverhältnisse steht: „Gibt es irgendjemand, der Herr Mertens einmal Beine machen kann?“ (Frank Plasberg, hart aber fair, 1.3.2021).

Viel Klärungsbedarf für eine systematische linguistische Gesellschaftsforschung.

 

Kersten Sven Roth

 

Hinweis:
Die Rubrik „Zwischenruf“ will pointiert Perspektiven der linguistischen Gesellschaftsforschung aufzeigen. Es handelt sich um persönliche Anmerkungen des zeichnenden Mitglieds aus dem AlGf-Team.

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